Irgendwann ist er wieder da, dieser Wunsch. Man hört ein Stück, das man früher einmal gespielt hat. Man sieht ein Klavier bei Freunden oder entdeckt zu Hause die alten Noten im Schrank. Und plötzlich denkt man: Eigentlich würde ich gerne wieder Klavier spielen.
Dann kommt oft gleich der nächste Gedanke: Aber ich kann doch bestimmt gar nichts mehr.
Nach fünf, zehn oder sogar zwanzig Jahren ohne Klavier ist es ganz normal, dass vieles nicht mehr so leicht geht wie früher.
Die Finger reagieren langsamer, Noten werden nicht mehr ganz so schnell erkannt und ein Stück, das man als Jugendlicher problemlos gespielt hat, kann plötzlich ziemlich anspruchsvoll wirken.
Trotzdem ist ein Neustart als Erwachsener oft leichter, als man zunächst denkt.
Denn man beginnt nicht wirklich bei null.

Was nach einer langen Pause noch da ist
Wer früher regelmäßig Klavier gespielt hat, hat bereits viele Bewegungsabläufe und musikalische Zusammenhänge kennengelernt.
Auch wenn sie nicht mehr sofort abrufbar sind, können sie beim erneuten Spielen erstaunlich schnell wieder auftauchen.
Das merkt man manchmal an einer ganz einfachen Sache: Man setzt sich ans Klavier und spielt eine bekannte Melodie.
Die ersten Takte fühlen sich etwas holprig an. Und dann weiß die Hand plötzlich wieder, wohin sie gehen soll.
Natürlich kommt nicht alles auf einmal zurück.
Technik, Fingerbeweglichkeit und Sicherheit beim Blattspiel brauchen Zeit.
Auch das Zusammenspiel beider Hände kann zunächst ungewohnt sein.
Aber genau deshalb ist ein Wiedereinstieg etwas anderes als ein kompletter Neuanfang.
Sie bauen auf etwas auf, das Sie bereits gelernt haben.
Wie schnell das funktioniert, hängt unter anderem davon ab, wie lange Sie früher gespielt haben, wie lange die Pause war und wie regelmäßig Sie jetzt wieder üben.

Nicht mit dem schwierigsten Stück anfangen
Hier machen viele Wiedereinsteiger denselben Fehler: Sie holen das alte Lieblingsstück heraus und versuchen, genau dort weiterzumachen, wo sie aufgehört haben.
Das ist verständlich. Und manchmal funktioniert es sogar.
Oft führt es aber nur zu Frust.
Wenn die Finger nicht mehr so sicher sind wie früher, wird eine schwierige Passage schnell zum Kampf.
Man spielt sie immer wieder, macht dieselben Fehler und fragt sich irgendwann, warum es früher so leicht war.
Wir würden deshalb empfehlen, zunächst unter dem eigenen früheren Niveau einzusteigen.
Das klingt vielleicht nach einem Rückschritt. Ist es aber nicht.
Ein etwas einfacheres Stück gibt den Händen die Möglichkeit, wieder Routine aufzubauen.
Gleichzeitig trainieren Sie dabei wichtige Grundlagen wie Rhythmus, Artikulation, Dynamik und das Zusammenspiel beider Hände.
Und wenn ein Stück nach ein paar Tagen schon sehr leicht fällt, ist das wunderbar. Dann können Sie das nächste Niveau ausprobieren.

Kleine Übungseinheiten sind völlig ausreichend
Als Kind konnte man vielleicht jeden Tag eine Stunde üben.
Im Erwachsenenleben sieht das meistens anders aus.
Arbeit, Familie und andere Verpflichtungen lassen nicht immer viel freie Zeit.
Das muss kein Grund sein, das Klavierspielen aufzugeben.
Für den Wiedereinstieg sind regelmäßige, überschaubare Einheiten oft sinnvoller als seltene lange Sitzungen.
Drei oder vier konzentrierte Übungseinheiten pro Woche können bereits viel bewirken.
Dabei muss nicht jede Minute technisch anspruchsvoll sein.
An einem Tag können Sie Tonleitern und Fingerübungen machen.
An einem anderen arbeiten Sie an einem neuen Stück. Und manchmal möchten Sie einfach nur zehn oder fünfzehn Minuten spielen, ohne etwas Bestimmtes zu üben.
Auch das zählt.
Entscheidend ist, dass das Klavier wieder einen festen Platz in Ihrem Alltag bekommt.

Was sollte man nach einer langen Pause spielen?
Die kurze Antwort: Musik, die Sie tatsächlich gerne hören.
Das klingt vielleicht banal, ist aber für Erwachsene besonders wichtig.
Sie müssen nicht mit einem klassischen Lehrbuchstück beginnen, nur weil Sie früher klassischen Unterricht hatten.
Vielleicht möchten Sie lieber eine Filmmelodie lernen, einen Popsong spielen oder wieder ein Stück aufnehmen, das Sie früher einmal geliebt haben.
Ein gutes Stück für den Wiedereinstieg sollte allerdings nicht nur schön sein, sondern auch zu Ihrem aktuellen Spielniveau passen.
Hier kann ein Klavierlehrer sehr hilfreich sein.
Gemeinsam lässt sich ein Stück auswählen, das Sie musikalisch interessiert und gleichzeitig technisch realistisch ist.
Das ist oft der bessere Weg, als sich ein Stück auszusuchen, das auf dem Papier gut aussieht, aber im Moment noch zu schwierig ist.

Lohnt sich Klavierunterricht als Erwachsener noch einmal?
Ja – besonders nach einer längeren Pause kann Unterricht sehr hilfreich sein.
Dabei geht es nicht darum, wieder ganz von vorne mit „Das ist das C“ anzufangen.
Ein guter Lehrer sollte zunächst herausfinden, was Sie noch können, was Ihnen leichtfällt und wo sich Unsicherheiten eingeschlichen haben.
Vielleicht lesen Sie Noten noch problemlos, haben aber Schwierigkeiten mit der Fingertechnik.
Vielleicht ist Ihre Technik noch erstaunlich gut, während Rhythmus und Blattspiel etwas eingerostet sind.
Das lässt sich im Unterricht schnell feststellen.
Ein weiterer Vorteil: Sie müssen nicht selbst herausfinden, welche Übungen gerade sinnvoll sind.
Ein Lehrer kann den Schwierigkeitsgrad anpassen und verhindern, dass Sie sich unnötig lange mit einer Passage beschäftigen, die im Moment einfach noch zu anspruchsvoll ist.
Und vor allem können Sie den Unterricht auf Ihre eigenen Ziele ausrichten.
Sie sind schließlich kein Kind, das für eine Prüfung übt.
Vielleicht möchten Sie einfach wieder sicher spielen können.
Vielleicht wollen Sie irgendwann ein bestimmtes Stück beherrschen.
Oder Sie möchten lernen, sich selbst am Klavier zu begleiten.
All das sind gute Ziele.

Vergleichen Sie sich nicht mit dem Menschen, der Sie früher waren
Das ist wahrscheinlich die schwierigste Lektion beim Wiedereinstieg.
Vielleicht konnten Sie früher schneller spielen.
Vielleicht haben Sie Stücke gelernt, die Ihnen heute sehr schwierig vorkommen.
Vielleicht waren Sie sogar einmal richtig gut.
Es bringt wenig, sich ständig daran zu messen.
Ihre Hände haben seitdem nicht nur das Klavier vergessen.
Sie haben auch viele Jahre lang andere Dinge gemacht.
Ihr Alltag ist ein anderer, Ihre Zeit ist anders eingeteilt und wahrscheinlich gehen Sie heute auch anders an das Lernen heran.
Deshalb ist die bessere Frage nicht:
„Warum kann ich das nicht mehr wie früher?“
Sondern:
„Was kann ich jetzt wieder aufbauen?“
Und genau hier haben Erwachsene einen Vorteil.
Sie wissen meistens viel besser, welche Musik ihnen gefällt und warum sie überhaupt wieder spielen möchten.

Fortschritt darf langsam sein
Die ersten Wochen können etwas unberechenbar sein.
An einem Tag klappt eine Passage überraschend gut.
Am nächsten sitzt man wieder davor und fragt sich, warum die linke Hand plötzlich nicht mehr mitmachen will.
Das ist kein Zeichen dafür, dass das Üben nichts bringt.
Beim Klavierspielen werden viele Bewegungen erst durch Wiederholung wieder selbstverständlich.
Was heute noch bewusst gesteuert werden muss, kann nach einigen Wochen wieder automatisch funktionieren.
Deshalb sollte man den Fortschritt nicht von einer einzelnen Übungseinheit abhängig machen.
Schauen Sie lieber nach einigen Wochen zurück.
Spielen Sie ein Stück heute sicherer als vor einem Monat?
Lesen Sie Noten etwas schneller?
Fällt eine bestimmte Akkordfolge leichter?
Solche kleinen Veränderungen sind beim Wiedereinstieg oft viel aussagekräftiger als ein einzelner guter oder schlechter Übungstag.

Und wenn man nicht jeden Tag üben kann?
Dann übt man eben nicht jeden Tag.
Das klingt vielleicht zu einfach, ist aber wichtig.
Viele Erwachsene setzen sich beim Wiedereinstieg Ziele, die mit ihrem tatsächlichen Alltag kaum vereinbar sind.
Jeden Tag eine Stunde spielen, mehrere Stücke gleichzeitig lernen, zusätzlich Theorie und Technik üben – das funktioniert vielleicht zwei Wochen lang.
Danach steht das Klavier wieder unberührt da.
Ein realistischer Plan ist meistens nachhaltiger.
Wenn Sie wissen, dass Sie an drei Tagen pro Woche Zeit haben, dann planen Sie auch mit diesen drei Tagen.
Und wenn eine Woche besonders voll ist, geht es eben langsamer weiter.
Klavierspielen sollte schließlich nicht zu einer weiteren Verpflichtung werden, die man im ohnehin vollen Kalender abhaken muss.

Der schönste Teil des Wiedereinstiegs
Vielleicht ist es genau das, was sich beim zweiten Anlauf verändert.
Als Kind lernt man oft Klavier, weil die Eltern es möchten, weil Unterricht dazugehört oder weil man irgendwann eine Prüfung ablegen soll.
Als Erwachsener sitzt man aus einem anderen Grund am Instrument.
Man möchte ein bestimmtes Stück spielen.
Man vermisst die Musik. Man möchte nach einem langen Tag abschalten.
Oder man fragt sich einfach, ob man etwas, das früher einmal Freude gemacht hat, wieder zurückholen kann.
Darauf gibt es keine falsche Antwort.
Sie müssen nicht wieder das Niveau erreichen, das Sie vor zwanzig Jahren hatten.
Sie müssen keine Prüfung machen und auch nicht vor Publikum auftreten.
Vielleicht reicht es zunächst, wieder zehn Minuten am Klavier zu sitzen.
Dann werden daraus zwanzig.
Ein Stück kommt dazu. Danach vielleicht das nächste.
Und irgendwann stellen Sie fest, dass Sie nicht mehr darüber nachdenken, wie lange Sie pausiert haben.
Sie spielen einfach wieder.
Und genau da beginnt der eigentliche Wiedereinstieg.
Möchten Sie nach einer längeren Pause wieder Klavier spielen? Am Dolce Musik Institut begleiten wir Erwachsene individuell und mit Freude beim Wiedereinstieg.
Wir freuen uns darauf, Sie musikalisch auf Ihrem Weg zurück ans Klavier zu begleiten.









